Schwarzrotgold soweit das Auge reicht – auch in Alfter
Von Michael Henseler / General Anzeiger
Alfter. Der Countdown ist schon längst angelaufen: Getränke und Essbares einkaufen, Wimpel und Fahnen aufhängen, Trikots anziehen und Fans seines Vertrauens zum Mitfiebern einladen. Mehr braucht es auf den ersten Blick nicht, wenn sich aktuelle und ehemalige Fußballer des VfL Alfter auf das erste Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Australien an diesem Sonntag vorbereiten.
Dabei sind die Spiele ihrer Idole bis ins kleinste Detail verplant. Sogar Urlaubsanträge für das zweite Gruppenspiel der Löw-Elf gegen Serbien, das am Freitag, 18. Juni, um 13.30 Uhr angepfiffen wird, wurden fristgerecht eingereicht. “Wir treffen uns immer abwechselnd bei einem Mitglied unserer Gruppe im Garten.
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Die Termine der Vorrunde sind natürlich heiß begehrt. Schließlich weiß man ja nicht, wie weit die Deutschen kommen. Deshalb bin ich besonders froh, beim ersten Gruppenspiel Gastgeber zu sein”, sagt Stefan Thiebes, Trainer der zweiten Seniorenmannschaft des VfL Alfter.
Bereits am vergangenen Wochenende, lange vor dem ersten Torschuss, hat er seine Terrasse dekoriert. Erlaubt ist, was gefällt und die Stimmung steigen lässt: Deutschlandfahnen von der Größe eines Bierdeckels, Autofahnen, Girlanden, Trikots und eine überdimensionale Wandfahne schmücken die obligatorisch angebrachte Zeltplane, die nur für den Fall eines kurzen Schauers von Nöten ist. Doch das sind keineswegs alle Accessoires.
Auch an die angemessene Bekleidung haben seine Gäste Marco und Udo Kaiser, Hashim Proni, Klemens Schneider, Paul Weichert, Kai Fritsche, Rainer Schickel, Raymond Oellig, Michael Pieper und natürlich auch sein Sohn Justin Thiebes gedacht. Vom aktuellen Jersey, über das rote und schwarze Ausweichtrikot bis hin zu den Retro-Shirts von 1974 sind alle Varianten vertreten. Mützen, Hüte, Tröten, Klatschhände und wohl auch die ein oder andere Vuvuzela ergänzen das Equipment.
“Nach langer Überlegung haben wir uns dazu entschieden, auch ein wenig afrikanisches Flair für ein gemeinsames Feeling anzuschaffen. Allerdings sollten es höchstens zwei Vuvuzelas sein. Denn 40 000 von diesen Dingern würden meine Ohren nicht ertragen”, meint Udo Kaiser, der seinen Gastgeber bereits aus der Grundschule kennt.
Schon beim letzten deutschen WM-Gewinn unter Franz Beckenbauer 1990 drückten die “kleinen Nationaltrainer”, wie Rainer Schickel eingestehen muss, ihren Farben die Daumen. Früher allerdings auf einem alten, klapprigen Fernseher, der längst durch einen großen LED-Flachbildschirm ersetzt wurde. “Das Bild ist einfach viel schärfer, und mit dem Dolby-Surround-System hast du annähernd Stadionatmosphäre”, so Michael Pieper.
Mit der Zeit ist auch der Nachwuchs dazu gekommen. Justin Thiebes ist mit sieben Jahren der Jüngste und erlebt das Spektakel Fußball-WM das erste Mal mit allem drum und dran. Während die Erwachsenen auch das ein oder andere kühle Bier trinken werden, freut sich der F-Jugendspieler des VfL Alfter vor allem auf Grillfleisch und Würstchen.
Offiziell drückt er natürlich Klose und Schweinsteiger die Daumen. Aber insgeheim hat er einen anderen Turnierfavoriten. “Gegen Australien gewinnen wir 2:1. Dann kommen wir ins Viertelfinale gegen Brasilien. Leider werfen die uns dann raus und gewinnen das Turnier, weil sie einfach die besseren Fußballer sind”. Aha.
Dem widerspricht Hashim Proni eindeutig. Der Kosovo-Albaner, der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt, beschwört die deutschen Tugenden Kampf, Ehrgeiz und Siegeswille. “Wir sind eine Turniermannschaft und kommen bis ins Finale. Dann ist mit ein bisschen Glück auch der Titel möglich”, lautet sein Tipp.
Doch wo sind bei all den Bundestrainern eigentlich die Frauen? “Die könnten zwar auch dabei sein, ziehen es aber lieber vor, ohne uns nervöse Männer, die jeden zweiten Fehlpass kommentieren, unter sich die Spiele zu schauen”, sagt Raymond Oellig. Es sei schließlich nicht einfach, wenn noch Stunden nach dem Spiel über Aufstellung, Fehlentscheidungen des Schiedsrichtergespanns und Ergebnis diskutiert wird und der ein oder andere Autokorso in Bonn ansteht.
“Wir sind halt fußballverrückt, und das ist auch gut so. Und wenn wir dann wirklich das Endspiel erreichen, zittern wir sowieso wieder alle gemeinsam mit unseren Jungs”, beteuert Paul Weichert mit einem Lächeln.
Der GA begleitet die Gruppe um Stefan Thiebes durch die WM.